Bedeutende Deutsche auf Kuba
Alexander von Humboldt | Hans Magnus Enzensberger | Tania la Guerillera
Alexander von Humboldt (1769-1859), Gemälde von Joseph Karl Stieler, 1843 -
© gemeinfrei
Alexander Humboldt
»Alexander!
Dein Essen wird kalt!
Jetzt komm endlich zu Tisch!«
Der Junge hört nicht. Er sitzt auf einer schattigen Bank im Garten der Familie Humboldt und hat die Nase wie so oft in einem Buch: Auf seinen Knien liegt »Die Entdeckung Amerikas«, mit seinen Gedanken durchstreift Alexander an der Seite von Christoph Kolumbus den südamerikanischen Urwald. Die lebhaften Schilderungen wecken in ihm einen ungeheuren Reisehunger, der ihn nie wieder loslassen wird: »Ich hatte von meiner ersten Jugend an ein sehnliches Verlangen empfunden, in entfernte, von Europäern wenig besuchte Länder zu reisen«, stellt Alexander von Humboldt rückblickend fest, als er die neue Welt längst selbst besucht hat.
Am 5. Juni 1799 geht sein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: In La Coruña besteigt er das kleine Kriegsschiff »Pizarro«, das ihn von Nordspanien aus nach Kuba bringen soll. Im Gepäck hat er die modernsten Instrumente der Zeit: Sextanten, Teleskope, Barometer und Fernrohre werden im Inneren des Schiffs verstaut, wo sie die lange Fahrt überstehen sollen. Hinter Alexander von Humboldt liegt ein fünfmonatiger Spanien-Aufenthalt, den er zur Vorbereitung für seine große Expedition genutzt hat. Zusammen mit seinem Begleiter, dem französischen Arzt Aime Bonpland verfasste Humboldt dort Studien über die geologische und geographische Beschaffenheit der iberischen Halbinsel.
Portrait der Familie Karls IV. von Goya, Detail - © gemeinfrei
Vornehme Förderer
In Madrid drang der junge Forscher bis zum spanischen Königspaar vor: Carlos IV. und seine Gattin Maria Luise zeigen sich beeindruckt vom Entdeckerdrang des deutschen Wissenschaftlers und fördern sein Reise-Vorhaben. Die spanische Kolonialbehörde garantiert ihm ihre Unterstützung, Humboldt erhält alle nötigen Pässe und stürzt sich euphorisch in die Reise-Vorbereitungen: »Welche ein Glück ist mir eröffnet! Mir schwindelt der Kopf vor Freude!«
Humboldts Forschergeist ist charakteristisch für das aufgeklärte Denken des 18. Jahrhunderts. Er betrachtet die Wissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern als Vehikel der Humanität. »Der Mensch muss das Große und Gute wollen«, schreibt er wenige Stunden vor seinem Aufbruch nach Amerika an seinen Freund Willdenow. »Der Hauptzweck meiner Reise: Auf das Zusammenwirken der Kräfte, den Einfluss der unbelebten Schöpfung auf die belebte Tier- und Pflanzenwelt, auf diese Harmonie sollen meine Augen stets gerichtet sein.«
Reisestrapazen
Zunächst muss sich Humboldt jedoch mit den weniger harmonischen Zwischenfällen während der Überfahrt nach Südamerika herumschlagen: Auf dem Schiff bricht eine fiebrige Seuche aus, die Matrosen und Passagiere befällt und ein Todesopfer fordert. Die Mannschaft beschließt, die Reise zu unterbrechen und bereits in Venezuela an Land zu gehen. Dort trifft der wissensdurstige Humboldt auf den Indio Carlos de Pino, der ihm auf seinen Urwald-Touren als ortskundiger Führer zur Seite steht. Aus dem geplanten Kurzaufenthalt werden schließlich 16 Monate, die Humboldt und Bonpland in Venezuela verbringen. Dies rettet ihnen möglicherweise das Leben: Auf Kuba wütet zu diesem Zeitpunkt das »schwarze Erbrechen«, das zahlreiche Todesopfer fordert. Doch auch die Fahrten auf dem Orinoco und dem Río Negro in Venezuela sind überaus Kräfte zehrend und die Mückenplage in den Flussgebieten zermürbt die Forscher.
Sklaverei in Brasilien, Gemälde von Jean-Baptiste Debret (1768-1848) - © gemeinfrei
Der zweite Entdecker Kubas
Nach einer 25-tägigen Fahrt bei beständig schlechtem Wetter erreicht Humboldt am 19. Dezember 1800 die kubanische Küste. Während ihres drei Monate dauernden Aufenthalts bereisen Humboldt und Bonpland die Umgebung von Havanna, das Tal von Güines und die Küste zwischen Batabanó und dem Hafen von Trinidad. Vor allem sind sie jedoch damit beschäftigt, ihre Aufzeichnungen aus Venezuela auszuwerten und die 1 400 Spezies neuer Pflanzen zu systematisieren. Außerdem nutzt Humboldt die Archive der kubanischen Hauptstadt für seine historischen und statistischen Forschungen, die er später in seinem »Kuba-Werk« beschreibt. Der »Essai politique sur l`isl de Cuba« erscheint erstmals 1828 im dritten und letzen Band seiner amerikanischen Reiseberichte.
Für seine wissenschaftlichen Tagebücher trägt der Forscher stets kleine Hefte aus farbigem Karton in der Tasche, in denen er alle bemerkenswerten Beobachtungen notiert. Auf Kuba ist es vor allem die Sklaverei, die seine Aufmerksamkeit erregt. Desillusioniert kommt er zur Konklusion, dass »die gesamte Politik einer Kolonialregierung auf Unmoral beruht«. Aufgebracht notiert er in seinem Tagebuch: »Die Menschenliebe besteht nicht darin, ein wenig Stockfisch mehr und ein paar Peitschenhiebe weniger auszuteilen; eine wahre Hebung der geknechteten Klasse muss sich auf die ganze moralische und physische Stellung des Menschen erstrecken.«
Kubanische Vogelart - © by naturespicsonline / Wikipedia
Düstere Aussichten
Darüber hinaus beschäftigt sich Humboldt auf Kuba vor allem mit den Umweltproblemen der Insel. Mit Entsetzen beobachtet er die Zerstörung der Wälder für die Zuckerindustrie: »Die Dürre des Bodens vermehrt sich in dem Verhältnis, wie die Bäume sich vermindern, die ihm Schutz vor den brennenden Sonnenstrahlen gewähren.« Diesem umweltschädlichen Verfahren versucht Humboldt selbst Abhilfe zu schaffen, indem er Pläne für den Bau verbesserter Siedehöfe entwickelt, um den Brennstoff-Bedarf zu reduzieren.
Dennoch steht seine ökologischen Besorgnis im Gegensatz zu seiner Überzeugung, ganz Südamerika müsse von Europäern besiedelt werden. Welch bedenkliche Folgen deren Interesse an den Bodenschätzen für die Umwelt des Kontinents haben könnte, hat der große Forscher in seinem Denken ausgeklammert.
Obwohl ihm die politische und gesellschaftliche Realität auf Kuba nicht behagt, zeigt sich Humboldt sehr angetan von der Schönheit der karibischen Landschaft: »Die Insel Kuba stellt durch ihre ständig wechselnde Oberflächengestalt, das immer wieder frische Pflanzengrün und die Vielfalt der Vegetationsformen das abwechslungsreichste und angenehmste Land dar.«
Der unermüdliche Forschergeist
Thomas Jefferson, Gemälde von Charles Wilson Peale 1791 - © gemeinfrei
Während seines zweiten Aufenthalts auf der Insel, der im Frühling 1808 nach den Forschungsreisen durch Ecuador, Kolumbien, Peru und Mexiko stattfindet, fällt Humboldts Urteil weniger positiv aus. Zwar stellt er fest, dass die Gedankenfreiheit auf Kuba etwas größer ist als in Mexiko, doch es widerspricht ihm zutiefst, dass sich in Havanna alle Gespräche »um das große Problem drehen, wie man an einem Tag mit der geringsten Zahl an Schwarzen die größte Menge Zuckerhüte produzieren kann«. Nachdem er die in Havanna deponierte Sammlung von Gesteinen, Mineralien und Aufzeichnungen verladen hat, bricht er nach wenigen Wochen mit der Fregatte »Concepción« zur Weiterreise in die Vereinigten Staaten auf. Dort begegnet er dem amerikanischen Präsidenten Jefferson, bevor er auf seiner Rückreise nach Europa im erneut den Atlantischen Ozean überquert. Sogleich macht er sich an die Auswertung seiner 5-jährigen Amerika-Expedition und plant gleichzeitig die nächsten Unternehmungen.
Damit folgt er seinen eigenen Worten, die er 1801 aus Havanna an seinen Freund Willdenow geschrieben hatte: »Ein Menschenleben begonnen wie das meinige ist zum Handeln bestimmt.«

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