Werner Siemens

Druckluft

Der erste elektrisch angetriebene Webstuhl wurde 1879 von Werner Siemens vorgestellt. Noch schneller wurden die Webstühle im 20. Jahrhundert durch die neuartige Methode, den Schussfaden von Haken an Greifarmen durch die Längsfäden zu ziehen. Im 21. Jahrhundert werden drei moderne Spinntechniken angeboten: Ringspinnen, Rotorspinnen und Spinnen mit Druckluft. Bis zu 450 Meter Garn in der Minute können durch die Drucklufttechnik gewonnen werden. Dieses Konzept ermöglicht sogar das Spinnen von zwei verschieden feinen Garnsorten an einer Maschine gleichzeitig.

Die Geschwindigkeit des Schussfadens bei den Webmaschinen war in den letzten Jahren kaum noch zu steigern. Die erste Mehrphasenwebmaschine wurde 1995 auf der Internationalen Textilmaschinenausstellung in Mailand von einer Schweizer Firma präsentiert.

Die neue Idee: Diese Webmaschine kann mit Druckluft gleichzeitig vier Schussfäden innerhalb von besonderen Glasröhrchen durch die Kettfäden transportieren. Mit der rasenden Geschwindigkeit von 1.250 Metern pro Minute. Diese Technik steigert im Vergleich zu herkömmlichen Maschinen die Kapazität um das Dreifache und senkt die Produktionskosten wesentlich. Die Fehleranfälligkeit konnte auch verringert werden: Nur bei etwa jedem 500.000. Einschuss, wie man jeden neuen Transport des Schussfadens durch die Kettfäden bezeichnet, wird durch einen gerissenen Faden ein Stopp verursacht.

Seidenherstellung

Billigtextilien

Durch diverse Abkommen versuchte man, die Industrieländer vor Billigtextilien zu schützen. Schon 1962 gab es ein Baumwolltextilabkommen. Das Multifaserabkommen ersetzte es 1974. Aber 2005 fiel das letzte Abkommen zur Beschränkung des internationalen Textilhandels. Die Schwellenländer benutzten häufig den Textilsektor als geeigneten Motor zur Industrialisierung ihrer Wirtschaft. Über niedrige Preise gelang es ihnen, auch in die Märkte der Industrieländer zu exportieren, die folglich ihre Textilindustrie abbauen und umstrukturieren mussten.
Immer mehr wird China im 21. Jahrhundert zum Zentrum der Textilindustrie. Nicht nur wegen der niedrigen Löhne. Hier sind alle Produktionsstufen vertreten: vom Baumwollanbau (übrigens dem größten der Welt) und der Kunstfaserherstellung übers Spinnen und Weben bis hin zum Nähen. Experten meinen: „Für Produzenten innerhalb der EU gilt, dass es besser ist, Textilien billig einzukaufen, als sie teuer mit Ressourcen zu produzieren, die wir besser einsetzen können.“

China wird zur Schneiderei der Welt. Man darf dabei nicht übersehen, dass China die modernsten Textilmaschinen aus europäischen Ländern importiert. Und in Indien werden ganze Werke für chemische Fasern von Europa aus aufgebaut.

Plauener Spitze

Gestickter Sensor

Und was passiert in Europa? Ein Beispiel: Die sächsische Textilindustrie zählte zu den Schlüsselindustrien der DDR. Sie geriet nach dem Mauerfall durch den internationalen Wettbewerb in eine tiefe Krise. Die meisten Arbeitsplätze verschwanden. Durch die Kombination von traditionellem Können und wegweisenden Innovationen wird Sachsens Textilbranche auf dem Zukunftsmarkt mit technischen Textilien aber wieder erfolgreich. Über 300 neue Patente belegen das. Selbst die klassische Stickerei, bekannt durch die “Plauener Spitze”, soll durch technisches Sticken genutzt werden: speziell bei der Bau-, Fahrzeug- und Medizintechnik. Ein gestickter Sensor soll einen Mehrachsroboter bewegen. Metalldrähte, leitfähig beschichtete Fäden und hauchdünne Garne werden verstickt.

Forschungseinrichtungen werden mit kleinen, flexiblen Unternehmen für einen interessanten Markt kombiniert: für textile Dichtungen und Filter in der Industrie, Faserverbundwerkstoffe für Sportgeräte und Flugzeuge, textile Implantate in der Medizin oder im Bauwesen für die Befestigung von Böschungen und als Textilbeton. Vielleicht webt so das Schicksal eine freundlichere Zukunft?